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5 Wochen China

Wie fasst man eine Reise von fuenf Wochen (denn so lange war ich diesmal unterwegs) in wenigen Saetzen zusammen? Am besten, indem man die typischen Reisefuehrerinfomationen weglaesst und stattdessen nur von den alltaeglichen Highlights berichtet- ob sich dabei ein representatives Bild von China ergibt, sei in Euer Ermessen gestellt.

Ein Trip nach China beginnt, wenn man mit Emirates ueber Dubai dorthin fliegt, mit einer Reise durch verschiedene Kulturen: in knapp 20 Stunden gelangt man vom Abendland ins Morgenland und von da ins Reich der Mitte. Woran laesst sich die Unterschiedlichkeit einer Kultur besser ablesen als an ihren stillen Oetchen, den Toiletten? Der an europaeische Klos und Toilettenpapier gewoehnte Deutsche wundert sich am Flughafen Dubai zunaechst einmal darueber, dass an der Stelle des Klorollenhalters ein Wasserschlauch haengt, um dann bei Ankunft in Shanghai festzustellen, dass das DIN-genormte europaeische Sitzklo einem chinesischen Hock-Klo, einem Loch im Boden mit Spuelung, gewichen ist, in das wohl -ein Blick in den gefuellten Papierkorb deutet darauf hin- kein Papier versenkt werden darf.

China ist wohl auch das einzige Land der Erde, das neben seinen Hotels und Taxifahrern auch die Guete der Toiletten mit der Vergabe von 1-5 Sternen bewertet. Fuer diejenigen, die dem weiter auf den Grund gehen wollen (eine in diesem Zusammenhang vielleicht unpassende Metapher): am Volksplatz, dem groessten Platz mitten in Shanghai, steht ein *****-Klo mit eigener kleiner Empfangshalle und einer unifomierten Klofrau, die fuer umgerechnet 5 Cent alles an Hygieneartikeln zur Verfuegung stellt, was das Herz begehrt. China ist also nicht nur wirtschafts- und exporttechnisch, sondern auch in Bezug auf seine Toiletten eine aufstrebende Nation..:-)

Wohlwissend, dass man sich eigentlich ueber so etwas Schmuddeliges (oder eben Sauberes) wie Toiletten nicht laenger unterhalten sollte, schwenke ich zu einem beliebten Smalltalk-Thema um: dem Wetter. Der Tatsache, dass mir wetter.de fuer meine Ankunft am Donnerstag leichten Nieselregen und Temperaturen um 20 C verspricht, sehe ich gelassen, ja geradezu erwartungsfroh entgegen. Nachdem ich mehr als einen Monat mit Temperaturen konstant ueber 30 C bei einer Luftfeuchtigkeit wie im Dschungel gelebt habe, freue ich mich auf nichts mehr als auf annehmbare Temperaturen (und vielleicht ein Vollkornbrot). Ich haette nicht gedacht, dass es jemals irgendwo so heiss und schwuel sein kann. DeutschlehrerInnen im Adressatenkreis seien auf Max Frisch' Homo Faber verwiesen, in der er das Klima im Dschungel und die daraus resultierende Antriebslosigkeit beschreibt- ich weiss jetzt, was gemeint ist! Mein einziges Tagesziel bestand oft darin, moeglichst schnell von der klimatisierten Wohnung in ein klimatisiertes Taxi in die klimatisierte Sprachschule und wieder zurueck zu kommen. Nachdem ich mir hier allerdings ein Fahrrad erstanden hatte, habe ich auf den klimagekuehlten Luxus verzichtet und bin jeden Morgen 25 Minuten zur Sprachschule geradelt- damit war auch die Antriebslosigkeit verflogen (der Antrieb bestand nun, besonders auf dem Rueckweg, darin, moeglichst schnell unter die Dusche zu kommen...:-)).

Apropos: ja, ich habe fleissig Chinesisch gelernt in den letzten Wochen und verfuege jetzt hoffentlich ueber genug Vokabular, um z.B. einem Taxifahrer zu erklaeren, warum ich Shanghai mag (Lektion 7) oder eine Fussmassage zu ordern (Lektion 10) oder der Ayi zu erklaeren, wie sie die meisten Anziehsachen waschen soll, naemlich nicht zu heiss (ein Wort, das bereits im Zusammenhang  mit der Wetter-Lektion 3 auftaucht: "Mir ist heiss" - "Es ist extrem heiss" - "Ich sterbe vor Hitze". Man merkt dem Lehrbuch an, dass es von einer Shanghaier Sprachschule fuer auslaendische Gaeste und Bewohner dieser Stadt erstellt wurde...

Wer sich uebrigensjetzt fragt, was eine Ayi ist: sie ist vermutlich Sinnbild des Manchester-Kapitalismus, der China seit den spaeten 1980er Jahren erfasst hat. Vom Stolz der Arbeiterklasse und kommunistischer Gleichmacherei ist jedenfalls nicht mehr viel geblieben, und so beschaeftigen viele Chinesen und wahrscheinlich noch mehr Westler chinesisches Hauspersonal, Ayi genannt, entweder als Putzfrau, Haushaelterin oder Kindermaedchen (oder mit steigendem Einkommen in jedem Bereich eine). Der gaengige Stundenlohn belaeuft sich auf 7-10 Yuan, das sind umgerechnet 0,7-1 Euro. Man geraet damit zwangslaeufig in einen Gewissenskonflikt: ist es gerechtfertigt, zu einem solchen Hungerlohn eine Putzfrau einzustellen oder sollte man besser selbst putzen, damit aber einer Ayi, die auf moeglichst viele Putzstellen angewiesen ist, keine Arbeit geben? Es ist auch nicht so, dass man einfach das Doppelte oder Dreifache zahlen kann: das schafft schlechte Stimmung unter den Nachbarn, die diesselbe Ayi beschaeftigen und das Preisgefuege unangetastet wissen wollen (zumal ein Stundenlohn von 3 Euro das Gewissen auch nur bedingt erleichtert- ein Kaffee bei Starbucks kostet hier 27 Yuan, also ungefaehr soviel wie eine Stunde Arbeit...). Ein unloesbares Problem also- wir haben fuer uns beschlossen, der Ayi einen entsprechend hohen Bonus am Nationalfeiertag bzw. zum chinesischen Neujahr zu zahlen, um so einer Diskussion mit den Nachbarn zu entgehen.

Was fuer die Ayi gilt, gilt auch fuer andere handwerkliche Berufe: die meisten sind schlecht bezahlt, dennoch aber ueberlebenswichtig fuer manche Familie. In den schmalen Gassen der ehemaligen franzoesischen Konzession oder in der Altstadt von Shanghai, deren Strassen noch nicht einer neuen U-Bahn oder Hochhauszeile gewichen sind, kann man das noch mitverfolgen. Ein kleiner Laden reiht sich neben den anderen, die verschiedensten Dienstleistungen werden angeboten; darunter solche, die es in Deutschland gar nicht mehr gibt oder die unbezahlbar geworden sind: da ist der Schuhladen, nebenan der Schuster, der seine Naehmaschine draussen auf der Strasse aufgebaut hat, dann ein Obststand, gefolgt von einem Schluesselmacher, der nebenbei auch Fahrraeder repariert (fuer 1 Yuan wird auch nur der Reifen aufgepumpt!), ein Laden, der nur Plastikschuesseln in jder Groesse verkauft, ein weiterer Haushaltswarenladen, ein Baozi-Laden fuer den kleinen Hunger zwischendurch (Baozi sind mit Fleisch oder Gemuese gefuellte Hefeteigtaschen, ein wenig wie Germknoedel, und kosten umgerechnet 5-10 Cent pro Stueck). Wenn man dann z.B. die Naehte seines Rucksacks oder ein kaputtes Paar Schuhe reparieren lassen moechte -und in der Lage ist, sein Anliegen auf Chinesisch an den Mann oder die Frau zu bringen- kann man fuer ein paar Minuten auf einem schmalen Holzbaenkchen Platz nehmen, meist wahlweise vor dem Ventilator oder einem altersschwachen Fernseher, d.h. mit Blick auf chinesische Telenovelas, und zuschauen, wie mit altertuemlichen Geraet so ziemlich alles repariert werden kann. So gross Chinas Umweltsuenden speziell im industriellen Bereich sind- im Kleinen wird alles repariert, geflickt und wiederverwertet. Und auch im grossen erkennt die Regierung zunehmend die Wichtigkeit von Umweltschutz und nachhaltiger Wirtschaft- viele deutsche Firmen hoffen darauf, von diesem steigenden Oeko-Bewusstsein profitieren zu koennen.

Sowieso sind die Deutschen in China sehr angesehen. In der woertlichen Uebersetzung heisst Deutschland, de guo, Land der Tugendhaftigkeit bzw. der Tugendhaften. Wir haben an einem Wochenende einen Ausflug nach Qingdao unternommen, eine ehemalige deutsche Kolonialstadt, die den meisten als Herkunftsort des Tsingtao-Biers bekannt sein duerfte (das erste nach deutschem Reinheitsgebot gebraute Bier Chinas). Die typische erste Frage eines Chinesen an den Auslaender ist die nach seiner Herkunft. Folge unserer Antwort, wir seien Deutsche, war nicht nur ein anerkennendes Laecheln, sondern auch z.B. freie Eintritt in die -ehemals deutsche- Kathedrale. Der Glockenturmwaechter wollte uns unbedingt das 1903 gefertigte Uhrwerk der drei Glocken und ihren Laeutmechanismus zeigen (und auf chinesisch erklaeren, davon habe ich allerdings kaum etwas verstanden), um dann stolz auf die "good quality made in Germany" zu verweisen und das neue, automatische Laufwerk mit einem veraechtlichen Blick abzutun. Noch mehr Wohlwollen gegenueber der eigenen Herkunft kann nur der deutsche ernten, der von sich behauptet, im Fussball- oder noch besser Basketball-Nationalteam zu spielen...:-) Beide Sportarten sind bei den Chinesen unglaublich beliebt, knapp gefolgt von der Formel 1, die ja auch in Shanghai ausgetragen wird ("You know Shumake?".  Dagegen kann die Mehrzahl der Chinesen nicht schwimmen, weswegen der Zutritt zu den meisten Seen verboten ist (ist bei der oft ueblen Verschmutzung vielleicht auch besser). Und das, wo ich doch gern die Haelfte meines Urlaubs irgendwo in Wassernaehe, am besten am, um oder im Meer verbringe... Tatsaechlich haben wir es nur einmal geschafft, schwimmen zu gehen, in einem der grossen Hotels, die neben einem fantastischen Sonntagsbrunch eben auch eine grosse Poollandschaft fuer wassersuechtige Europaer wie mich anbieten. Einziger Nachteil: bei 35 C Aussentemperatur muesste man jeden Pool mit Eiswuerfeln kuehlen, um einen Erfrischungseffekt zu erzielen- so war das Schwimmen eher mit einem heissen Bad in einer Riesenwanne zu vergleichen.

Warum ich China und besonders Shanghai trotzdem mag? Weil hier gerade Geschichte passiert. Wer sich fragt, wie Globalisierung aussieht, sich anfuehlt, riecht, der sollte einmal nach Shanghai reisen. Und weil die Kultur trotz ihrer Tuecken und Ticks (oder gerade deswegen) besonders ist. Je mehr ich sprachlich dazu lerne, desto mehr erschliesst sich eine neue, andere Welt- die man manchmal verflucht, wenn man nichts versteht, die aber nichtsdestotrotz eine unglaubliche Faszination ausuebt. Shanghai ist die Stadt, in der sich Ost und West begegnen, uralte Hochkultur und Moderne, Kommunismus und Kapitalismus, Nicht-Schwimmer und Basketball-Spieler, Teezeremonie und Starbucks. Damit koennte man eine unendliche Menge an Reisetagebuechern fuellen.

Was gibt es sonst zu erzaehlen? Unmengen- aber die Zeit draengt, mein Flieger geht bald, und ich muss mir ja auch noch ein paar nette Anekdoten fuer zu Hause aufbewahren: z.B. wie es ist, auf einem chinesischen Betriebsausflug dabei zu sein, wie Schlangenhaut und Maissaft (eine Spezialitaet eben dieses Betriebsausflugs) schmecken, warum man hier einen pink slip braucht, um sein Visum zu verlaengern... Ihr seht, es gibt noch genug zu berichten.

Trotz Abschiedsleid und nahendem Ferienende freue ich mich schon, Euch bald wiederzusehen!

 

Liebe Gruesse aus einer faszinierenden Stadt.

1.8.07 09:59
 


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