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Ueber die Notwendigkeit, das ABC neu zu lernen

Der Lehrer an sich beschaeftigt sich eher selten mit seiner Kleidung. Da sie nur selten gezwungen sind, Krawatte und Sakko (bzw. Hosenanzug und Bluse) zu tragen, sind viele Kollegen immer noch der irrigen Annahme, weisse Socken passten hervorragend zu Sandalen oder zum selbstgestrickten Dreifarben-Pullunder.

Um etwaigen Geschmacksver(w)irrungen vorzubeugen -und uns auch wirklich als wuerdige Repraesentanten unseres Landes erscheinen zu lassen- wurde das Programm der Delegationsreise mit den kryptischen Kuerzeln A,B und C versehen. Diese standen fuer A = formelle, d.h. Businesskleidung, B= business casual, d.h. etwas legerere Businesskleidung (was Sandalen ausschliesst, aber ein Hemd ohne Krawatte zulaesst) und C= casual, d.h. oben erwaehnte Freizeitklamotten. Die meisten Schulbesuche durften in B-Kleidung absolviert werden, bei den Abendveranstaltungen war Kleiderordnung A oberste Lehrerpflicht. Noch nie habe ich so viele gut aussehende Kollegen gesehen- man sollte weniger ueber die Einfuehrung von Schuluniformen diskutieren als vielmehr die Anzugpflicht fuer Lehrer einfuehren! (Wenn dadurch auch die Noten der Schueler nicht besser werden, der Laune der Kolleginnen ist es in jedem Fall zutraeglich! ;-)))

Die erste A(bend)-Veranstaltung fand gestern statt: ein Empfangsbankett des Shanghaier Jugendverbandes. Das Essensritual eines solchen Banketts weicht dabei an einigen Punkten von den uns vertrauten Ablaeufen ab.

Alles beginnt mit Reden, in denen sich Deutsche und Chinesen ewige Freundschaft schwoeren und dabei gesalbte Worte, wenn moeglich auch noch Sprichwoerter ueber Sinn und Zweck von Freundschaft und Kulturaustausch, von sich geben. Unser Uebersetzer hat dabei kleinere sprachliche Fauxpas der deutschen Delegationsleitung ausgebuegelt, indem er z.B. aus einfachen Damen und Herren ganz chinesisch Freundinnen und Freunde gemacht hat.

Den Reden folgt die gegenseitige Geschenkuebergabe. Dabei faellt auf, dass die chinesische Seite ihre Geschenke nicht verpackt, sondern offen ueberreicht (weil das auf dem Photo besser aussieht? Weil sie im Gegensatz zu uns nichts zu verbergen hat?). Egal ob verpackt oder nicht, nach ein paar warmen Worten werden die Geschenke an die herbeigeeilten Assistenten weitergereicht und verschimmeln dann vermutlich fuer immer in irgendeiner Asservatenkammer.

Nach den Geschenken, vor den Geschenken oder mittendrin darf auf jeden Fall angestossen werden, wenn es einer der Delegationsleiter will und durch ein lautes gan bei kundtut (was soviel heisst wie "Ex oder nie mehr Sex"). Auf jeden Fall darf nach Aufforderung des Gastgebers mit dem Essen begonnen werden. Das gemeine Volk, d.h. in diesem Fall der Lehrerpoebel, darf das Buffet oder die Speiseplatten pluendern, waehrend am Ehrentisch der Delegationsleitung wahrscheinlich huldvolle Worte ueber die deutsch-chinesische Freundschaft ausgetauscht werden.

Irgendwann, fuer deutsche Verhaeltnisse relativ frueh (so gegen 20h), wird das Bankett dann durch ein kurzes Wort des Gastgebers aufgeloest. Der Chinese an sich geht jetzt nach Hause oder in die naechstgelegene Karaokebar, der Deutsche wundert sich ueber den ploetzlichen Aufbruch und die vermeintliche Ungeselligkeit der Chinesen.

Oder er ignoriert diesen kulturellen Unterschied und geht entweder noch zur Massage oder in die Bar Rouge, um von dort den Ausblick auf die Skyline von Shanghai zu geniessen.

18.10.07 01:10


Wenn einer eine Reise tut, dann kann er was erzaehlen

Erste Eindruecke:

Shanghai: ein Heimspiel. Nachdem ich mich nach der Ankunft unauffaellig unter die Teilnehmer der Delegation schmuggeln konnte, stand zunaechst einmal das typische touristische Shanghai-Programm an: der Fernsehtum und verwestlichtes Essen direkt am Huangpu. Da ich mir den Besuch des Oriental Pearl Towers bisher nicht geleistet hatte -zumal der Blick auf Shanghai fuer weniger Geld oder zumindest incl. eines Cocktails auch von der Bar im Hyatt oder ShangriLa zu haben ist-, hatte ich mich auf diesen Besuch gefreut und habe ihn auch entsprechend genossen.

Positiv ueberrascht bin ich auch von unserem Zimmer, ebenso wie von meiner Mitbewohnerin. Das Hotel liegt direkt neben dem "Max und Moritz", einem der bekannten deutschen Restaurants in Shanghai (Pudong), und Marit, meine Zimmergenossin, scheint sehr ruhig und umgaenglich zu sein und hat mir versprochen, nicht zu schnarchen. :-) Die anderen Mitglieder der Gruppe 1 -wir sind noch mal in Untergruppen a ca. 25 Personen eingeteilt- kann ich noch nicht wirklich einschaetzen, habe allerdings schon erste Kontakte geknuepft, u.a. mit einer Kollegin aus Lechenich, an deren Schule ein ehemaliger Mentor aus meinem Referendariat arbeitet (den es sicherlich amuesieren wird, dass er Gruesse aus China ausgerichtet bekommt).

Bisher sind noch keine Konferenz-Lehrer, Besserwisser oder Studiosus-Touristen aufgefallen. Einzig der bunte Mix von Dialekten im Bus ist ungewohnt und amuesant- diese Reise verspricht nicht nur ein interkultureller, sondern auch ein binnenkultureller (gibt's so ein Wort? Oder sagt man da "interfoederal"? :-))) Austausch zu werden.

Mehr dazu morgen.

 

16.10.07 16:01


Wann braucht man schon mal das chinesische Wort fuer "Freundschaftsdelegation"?

In unserem Chinesisch-Lehrbuch, herausgegeben irgendwann in den 1980er Jahren, als in China noch ein Grossteil der Bevoelkerung mit Mao-Jacke auf dem Fahrrad unterwegs war, besuchen russische Freundschaftsdelegationen regelmaessig chinesische Fabriken. Man lernt dabei wichtige Saetze und grammatische Konstruktionen, z.B. "Waehrend die russische Freundschaftsdelegation die chinesische Fabrik besuchte, wurde die Fahne gehisst." oder "Nachdem Palanka sich den Besuh der russischen Freundschaftsdelegation im Fernsehen angeschaut hatte, erzaehlte sie Gubo davon." Das wirft doch gleich mehrere Fragen auf. Erstens: In welcher Nation werden so komische Vornamen wie Palanka und Gubo vergeben? (Die Vermutungen in unserem Chinesisch-Kurs reichten von Ungarn bis Litauen.) Zweitens: Wenn Sprachbuecher die Realitaet in einem Land abbilden, will man dann nach China reisen, wo man dort doch scheinbar immer nur Fabriken besichtigen muss? Und seit wann verstehen sich eigentlich die Russen und die Chinesen wieder so gut? Drittens: Wann kann man im Alltag so tolle Woerter wie "Freundschaftsdelegation" gebrauchen?

Jetzt. Wenn man sich wie ich mit 100 Lehrern auf eine Bildungsreise durch China begibt. Wenn Angela Merkel und Hu Jintao beschliessen -das war vor dem Besuch des Dalai Lama im Kanzleramt-, dass die deutsch-chinesischen Beziehungen durch einen regen Austausch auch im Bildungs- und Kulturbereich weiter verbessert und intensiviert werden koennten. Und wenn deswegen 100 Schueler, Lehrer oder Schulleiter gesucht werden, die unter 40 sind und China-Erfahrung haben, um das Land zu bereisen und dabei als gute Repraesentanten der Bundesrepublik aufzutreten. 

Mein Schulleiter war nicht gerade begeistert, mich fuer 10 Tage ziehen zu lassen, ich dafuer aber um so mehr. Das Programm verspricht naemlich neben verschiedenen Schulbesuchen auch einen Abstecher in die Provinz Qinghai im Westen Chinas- so weit ausserhalb der grossen Staedte und so nah an Tibet war ich noch nie! Morgen geht es jetzt endlich los und ich bin gespannt, was mich erwartet. Nette Lehrer oder die typischen Konferenz-Lehrer (die immer meckern, ohne produktive Gegenvorschlaege zu machen, einfach um des Meckerns willen)? Kulturinteressierte oder Besserwisser, die meinen, sie muessten persoenlich die Demokratie nach China bringen? Landeskenner oder Studiosus-Touristen?

Dass eine Altersgrenze von 40 Jahren festgelegt wurde, stimmt mich latent zuversichtlich, morgen am Flughafen eine nette Truppe vorzufinden... Oder dachte sich der Allchinesische Jugendverband als Veranstalter der Reise, man koenne Leuten unter 40 einfach mehr an Reisestress und/oder schlechten Hotels zumuten?

Ich lasse mich ueberraschen.

 

15.10.07 13:37


Wir sind Weltmeister(innen)!

Nachdem wir uns schon zum Papst ausgerufen haben, sind wir, zumindest die entscheidenden 50% der bundesdeutschen Bevoelkerung, jetzt auch noch Fussball-Weltmeister. Und das Beste dabei ist: ich war live dabei, im Stadion, beim Sieg der Nationalmannschaft!

Wer von Euch jetzt spontan mehr als drei Mitglieder dieser Mannschaft namentlich aufzaehlen kann (ohne schummeln und googeln!), bekommt bei naechster Gelegenheit ein Eis von mir ausgegeben oder meine an diesem Abend verwendete Deutschlandfahne ueberreicht. Was sagt uns das? Frauen-Fussball hat's schwer- auch wenn die Frauen, im Gegensatz zu unseren "Sommermaerchen-Helden", nun schon zum zweiten Mal in Folge den Titel holen und mit ihrem Sieg ueber Brasilien im Finale das wiedergutmachen, was die Herrenmannschaft bei der vorletzten WM verschenkt hat... Wer sich dazu eine schoene Bilderstrecke ansehen moechte oder schon immer mal wissen wollte, was frau eigentlich unter dem Fussballtrikot traegt, dem sei die Mailadresse http://www.spiegel.de/sport/fussball/0,1518,508739,00.html empfohlen. Ist aber natuerlich kein Vergleich zum Live-Erlebnis, zumal bedauerlicherweise das Stadion von Shanghai, in dem das Spiel stattfand und mit einem beeindruckenden Feuerwerk abschloss, nicht mit abgebildet ist. Meine Schwester ist gerade dabei, die Photos fuer mich nachzumachen, so dass ich der geneigten Leserschaft demnaechst zeigen kann, wie es da so aussieht.

Das naechste Sport-Event, die Special Olympics, kann ich mir dann leider nicht mehr live ansehen, da Ralph ueber sein Buero nur ein Ticket fuer die Eroeffnungsfeier bekommen konnte. Aber ich arbeite jetzt schon an Eintrittskarten fuer Olympia 2008!

1.10.07 16:17


Eine goldene Woche in China

Wer sich ueber die deutsche Sommerferienregelung aufregt, die NRW die naechsten Jahre fruehe Ferien und eine hoehere Regenwahrscheinlichkeit beschert, sollte sich als Gegenbeispiel die Goldene Woche in China (die Woche rund um den 1.10., den chinesischen Nationalfeiertag) angucken. 1,3 Milliarden Menschen haben gleichzeitig frei, sofern sie nicht in der Tourismusindustrie, d.h. als Hotelangestellte, Taxifahrer oder Souvenirverkaeufer arbeiten. In diesem Jahr waren laut CCTV-Nachrichten ueber 360 Millionen Menschen auf Reisen.

Und wir waren mittendrin.

Nach einigen entspannten Tagen in Shanghai, wo angesichts all der Wuseligkeit und der Menschenmassen ein paar 10.000 Touristen gar nicht auffallen, machte ich mich mit meiner Schwester auf den Weg nach Hangzhou, dem "Paradies auf Erden" (behaupten die Chinesen). Erste Probleme ergaben sich bereits bei der Fahrt zum Bahnhof, die sich mangels Taxi so sehr verzoegerte, dass wir unseren Zug verpassten und den naechsten nehmen mussten. Wer jetzt vermutet, dass in der zeitweiligen Servicewueste Chinas der Umtausch eines Bahntickets eine unloesbare Aufgabe darstellt, wird enttaeuscht sein: mit rudimentaeren Sprachkenntnissen ist es bei weitem einfacher, in China seinen Fahrschein auf den naechsten Zug umzubuchen als bei der Deutschen Bahn mit all ihren Sonderregelungen und Spezialpreisen ueberhaupt ein Ticket zu bekommen. Zudem kostet der chinesische Service nichts. Und am neuen Suedbahnhof von Shanghai laesst es sich durchaus aushalten, wenn man denn schon warten muss. Lichtdurchflutet und rund, mit einer Laden- und Warteebene und den eigentlichen Bahntrassen im Untergeschoss, erinnert er mehr an eine Einkaufspassage als an einen Ort des oeffentlichen Nahverkehrs.

Hangzhou ist, verglichen mit Shanghai, eine Kleinstadt mit "nur" ca. 5 Millionen Einwohnern. Tatsaechlich macht sich das auch im Stadtbild bemerkbar: Neben den ueblichen Hochhaeusern im Stadtzentrum bildet der Xihu, der Westsee, eine angenehme Abwechslung zum Betongrau und Glas der Hochhaeuser. Rund um den See verlaeuft eine Promenade, auf der man, wenn man viel Zeit hat, das Gewaesser umrunden kann. Ines und ich haben das abgekuerzt, indem wir ein Fahrrad angemietet haben, die ueberall fuer ca. 10,- Tagesmiete angeboten werden. Auch wenn wir beide definitv zu gross fuer die an Klappraeder erinnernden Fahrraeder waren und diese in ihrer Minimalversion weder mit einer Gangschaltung noch mit gut funtionierenden Bremsen ausgestattet sind, hatten wir doch grossen Spass an unserer Tour. Zu sehen gab es dabei Folgendes:

- sehr viele chinesische Touristengruppen, erkennbar an bunten Hueten oder T-Shirts mit dem Logo des Reiseanbieters, ansonsten auch nicht zu ueberhoeren durch das Megaphon des Reiseleiters

- lustige Wasserspiele (Las Vegas laesst gruessen!), bei denen zu den Klaengen von "Carmen" verschiedene Wasserfontaenen im Rhythmus der Musik in die Sommerluft schossen, beaeugt und beklatscht von sehr vielen chinesischen Touristengruppen (s.o.)

- diverse Parks, ein Tempel und ein Damm, der eine Abkuerzung ueber einen Teil des Westsees darstellt und eigentlich nicht mit dem Fahrrad befahren werden darf- da sich aber auch kein Chinese an dieses Verbot gehalten hat, haben wir das einfach mal ignoriert und versucht, an den Massen der Chinesen (s.o.) vorbeizukommen, die dort entlang flanierten

- privat organisierte Opernauffuehrungen in kleinen Pavillons am See, in denen aelteer chinesische Damen und Herren Auszuege aus chinesischen Opern vorsangen, um damit eine der zahlreichen chinesischen Touristengruppen (s.o.) zu beeindrucken

Abgesehen davon, dass wir auch auf dem Rueckweg nach Shanghai unseren Zug verpassten (nachdem wir 1 1/2h auf ein Taxi warten mussten) und wegen der Menschenmassen, die sich am Bahnhofsschalter draengten -Goldene Woche!- den Bus zurueck nehmen mussten, war Hangzhou die zweitaegige Reise in jedem Fall wert. Es tut den Augen einfach gut, mal wieder ein wenig Gruen zu sehen...:-))

 

1.10.07 12:40


5 Wochen China

Wie fasst man eine Reise von fuenf Wochen (denn so lange war ich diesmal unterwegs) in wenigen Saetzen zusammen? Am besten, indem man die typischen Reisefuehrerinfomationen weglaesst und stattdessen nur von den alltaeglichen Highlights berichtet- ob sich dabei ein representatives Bild von China ergibt, sei in Euer Ermessen gestellt.

Ein Trip nach China beginnt, wenn man mit Emirates ueber Dubai dorthin fliegt, mit einer Reise durch verschiedene Kulturen: in knapp 20 Stunden gelangt man vom Abendland ins Morgenland und von da ins Reich der Mitte. Woran laesst sich die Unterschiedlichkeit einer Kultur besser ablesen als an ihren stillen Oetchen, den Toiletten? Der an europaeische Klos und Toilettenpapier gewoehnte Deutsche wundert sich am Flughafen Dubai zunaechst einmal darueber, dass an der Stelle des Klorollenhalters ein Wasserschlauch haengt, um dann bei Ankunft in Shanghai festzustellen, dass das DIN-genormte europaeische Sitzklo einem chinesischen Hock-Klo, einem Loch im Boden mit Spuelung, gewichen ist, in das wohl -ein Blick in den gefuellten Papierkorb deutet darauf hin- kein Papier versenkt werden darf.

China ist wohl auch das einzige Land der Erde, das neben seinen Hotels und Taxifahrern auch die Guete der Toiletten mit der Vergabe von 1-5 Sternen bewertet. Fuer diejenigen, die dem weiter auf den Grund gehen wollen (eine in diesem Zusammenhang vielleicht unpassende Metapher): am Volksplatz, dem groessten Platz mitten in Shanghai, steht ein *****-Klo mit eigener kleiner Empfangshalle und einer unifomierten Klofrau, die fuer umgerechnet 5 Cent alles an Hygieneartikeln zur Verfuegung stellt, was das Herz begehrt. China ist also nicht nur wirtschafts- und exporttechnisch, sondern auch in Bezug auf seine Toiletten eine aufstrebende Nation..:-)

Wohlwissend, dass man sich eigentlich ueber so etwas Schmuddeliges (oder eben Sauberes) wie Toiletten nicht laenger unterhalten sollte, schwenke ich zu einem beliebten Smalltalk-Thema um: dem Wetter. Der Tatsache, dass mir wetter.de fuer meine Ankunft am Donnerstag leichten Nieselregen und Temperaturen um 20 C verspricht, sehe ich gelassen, ja geradezu erwartungsfroh entgegen. Nachdem ich mehr als einen Monat mit Temperaturen konstant ueber 30 C bei einer Luftfeuchtigkeit wie im Dschungel gelebt habe, freue ich mich auf nichts mehr als auf annehmbare Temperaturen (und vielleicht ein Vollkornbrot). Ich haette nicht gedacht, dass es jemals irgendwo so heiss und schwuel sein kann. DeutschlehrerInnen im Adressatenkreis seien auf Max Frisch' Homo Faber verwiesen, in der er das Klima im Dschungel und die daraus resultierende Antriebslosigkeit beschreibt- ich weiss jetzt, was gemeint ist! Mein einziges Tagesziel bestand oft darin, moeglichst schnell von der klimatisierten Wohnung in ein klimatisiertes Taxi in die klimatisierte Sprachschule und wieder zurueck zu kommen. Nachdem ich mir hier allerdings ein Fahrrad erstanden hatte, habe ich auf den klimagekuehlten Luxus verzichtet und bin jeden Morgen 25 Minuten zur Sprachschule geradelt- damit war auch die Antriebslosigkeit verflogen (der Antrieb bestand nun, besonders auf dem Rueckweg, darin, moeglichst schnell unter die Dusche zu kommen...:-)).

Apropos: ja, ich habe fleissig Chinesisch gelernt in den letzten Wochen und verfuege jetzt hoffentlich ueber genug Vokabular, um z.B. einem Taxifahrer zu erklaeren, warum ich Shanghai mag (Lektion 7) oder eine Fussmassage zu ordern (Lektion 10) oder der Ayi zu erklaeren, wie sie die meisten Anziehsachen waschen soll, naemlich nicht zu heiss (ein Wort, das bereits im Zusammenhang  mit der Wetter-Lektion 3 auftaucht: "Mir ist heiss" - "Es ist extrem heiss" - "Ich sterbe vor Hitze". Man merkt dem Lehrbuch an, dass es von einer Shanghaier Sprachschule fuer auslaendische Gaeste und Bewohner dieser Stadt erstellt wurde...

Wer sich uebrigensjetzt fragt, was eine Ayi ist: sie ist vermutlich Sinnbild des Manchester-Kapitalismus, der China seit den spaeten 1980er Jahren erfasst hat. Vom Stolz der Arbeiterklasse und kommunistischer Gleichmacherei ist jedenfalls nicht mehr viel geblieben, und so beschaeftigen viele Chinesen und wahrscheinlich noch mehr Westler chinesisches Hauspersonal, Ayi genannt, entweder als Putzfrau, Haushaelterin oder Kindermaedchen (oder mit steigendem Einkommen in jedem Bereich eine). Der gaengige Stundenlohn belaeuft sich auf 7-10 Yuan, das sind umgerechnet 0,7-1 Euro. Man geraet damit zwangslaeufig in einen Gewissenskonflikt: ist es gerechtfertigt, zu einem solchen Hungerlohn eine Putzfrau einzustellen oder sollte man besser selbst putzen, damit aber einer Ayi, die auf moeglichst viele Putzstellen angewiesen ist, keine Arbeit geben? Es ist auch nicht so, dass man einfach das Doppelte oder Dreifache zahlen kann: das schafft schlechte Stimmung unter den Nachbarn, die diesselbe Ayi beschaeftigen und das Preisgefuege unangetastet wissen wollen (zumal ein Stundenlohn von 3 Euro das Gewissen auch nur bedingt erleichtert- ein Kaffee bei Starbucks kostet hier 27 Yuan, also ungefaehr soviel wie eine Stunde Arbeit...). Ein unloesbares Problem also- wir haben fuer uns beschlossen, der Ayi einen entsprechend hohen Bonus am Nationalfeiertag bzw. zum chinesischen Neujahr zu zahlen, um so einer Diskussion mit den Nachbarn zu entgehen.

Was fuer die Ayi gilt, gilt auch fuer andere handwerkliche Berufe: die meisten sind schlecht bezahlt, dennoch aber ueberlebenswichtig fuer manche Familie. In den schmalen Gassen der ehemaligen franzoesischen Konzession oder in der Altstadt von Shanghai, deren Strassen noch nicht einer neuen U-Bahn oder Hochhauszeile gewichen sind, kann man das noch mitverfolgen. Ein kleiner Laden reiht sich neben den anderen, die verschiedensten Dienstleistungen werden angeboten; darunter solche, die es in Deutschland gar nicht mehr gibt oder die unbezahlbar geworden sind: da ist der Schuhladen, nebenan der Schuster, der seine Naehmaschine draussen auf der Strasse aufgebaut hat, dann ein Obststand, gefolgt von einem Schluesselmacher, der nebenbei auch Fahrraeder repariert (fuer 1 Yuan wird auch nur der Reifen aufgepumpt!), ein Laden, der nur Plastikschuesseln in jder Groesse verkauft, ein weiterer Haushaltswarenladen, ein Baozi-Laden fuer den kleinen Hunger zwischendurch (Baozi sind mit Fleisch oder Gemuese gefuellte Hefeteigtaschen, ein wenig wie Germknoedel, und kosten umgerechnet 5-10 Cent pro Stueck). Wenn man dann z.B. die Naehte seines Rucksacks oder ein kaputtes Paar Schuhe reparieren lassen moechte -und in der Lage ist, sein Anliegen auf Chinesisch an den Mann oder die Frau zu bringen- kann man fuer ein paar Minuten auf einem schmalen Holzbaenkchen Platz nehmen, meist wahlweise vor dem Ventilator oder einem altersschwachen Fernseher, d.h. mit Blick auf chinesische Telenovelas, und zuschauen, wie mit altertuemlichen Geraet so ziemlich alles repariert werden kann. So gross Chinas Umweltsuenden speziell im industriellen Bereich sind- im Kleinen wird alles repariert, geflickt und wiederverwertet. Und auch im grossen erkennt die Regierung zunehmend die Wichtigkeit von Umweltschutz und nachhaltiger Wirtschaft- viele deutsche Firmen hoffen darauf, von diesem steigenden Oeko-Bewusstsein profitieren zu koennen.

Sowieso sind die Deutschen in China sehr angesehen. In der woertlichen Uebersetzung heisst Deutschland, de guo, Land der Tugendhaftigkeit bzw. der Tugendhaften. Wir haben an einem Wochenende einen Ausflug nach Qingdao unternommen, eine ehemalige deutsche Kolonialstadt, die den meisten als Herkunftsort des Tsingtao-Biers bekannt sein duerfte (das erste nach deutschem Reinheitsgebot gebraute Bier Chinas). Die typische erste Frage eines Chinesen an den Auslaender ist die nach seiner Herkunft. Folge unserer Antwort, wir seien Deutsche, war nicht nur ein anerkennendes Laecheln, sondern auch z.B. freie Eintritt in die -ehemals deutsche- Kathedrale. Der Glockenturmwaechter wollte uns unbedingt das 1903 gefertigte Uhrwerk der drei Glocken und ihren Laeutmechanismus zeigen (und auf chinesisch erklaeren, davon habe ich allerdings kaum etwas verstanden), um dann stolz auf die "good quality made in Germany" zu verweisen und das neue, automatische Laufwerk mit einem veraechtlichen Blick abzutun. Noch mehr Wohlwollen gegenueber der eigenen Herkunft kann nur der deutsche ernten, der von sich behauptet, im Fussball- oder noch besser Basketball-Nationalteam zu spielen...:-) Beide Sportarten sind bei den Chinesen unglaublich beliebt, knapp gefolgt von der Formel 1, die ja auch in Shanghai ausgetragen wird ("You know Shumake?".  Dagegen kann die Mehrzahl der Chinesen nicht schwimmen, weswegen der Zutritt zu den meisten Seen verboten ist (ist bei der oft ueblen Verschmutzung vielleicht auch besser). Und das, wo ich doch gern die Haelfte meines Urlaubs irgendwo in Wassernaehe, am besten am, um oder im Meer verbringe... Tatsaechlich haben wir es nur einmal geschafft, schwimmen zu gehen, in einem der grossen Hotels, die neben einem fantastischen Sonntagsbrunch eben auch eine grosse Poollandschaft fuer wassersuechtige Europaer wie mich anbieten. Einziger Nachteil: bei 35 C Aussentemperatur muesste man jeden Pool mit Eiswuerfeln kuehlen, um einen Erfrischungseffekt zu erzielen- so war das Schwimmen eher mit einem heissen Bad in einer Riesenwanne zu vergleichen.

Warum ich China und besonders Shanghai trotzdem mag? Weil hier gerade Geschichte passiert. Wer sich fragt, wie Globalisierung aussieht, sich anfuehlt, riecht, der sollte einmal nach Shanghai reisen. Und weil die Kultur trotz ihrer Tuecken und Ticks (oder gerade deswegen) besonders ist. Je mehr ich sprachlich dazu lerne, desto mehr erschliesst sich eine neue, andere Welt- die man manchmal verflucht, wenn man nichts versteht, die aber nichtsdestotrotz eine unglaubliche Faszination ausuebt. Shanghai ist die Stadt, in der sich Ost und West begegnen, uralte Hochkultur und Moderne, Kommunismus und Kapitalismus, Nicht-Schwimmer und Basketball-Spieler, Teezeremonie und Starbucks. Damit koennte man eine unendliche Menge an Reisetagebuechern fuellen.

Was gibt es sonst zu erzaehlen? Unmengen- aber die Zeit draengt, mein Flieger geht bald, und ich muss mir ja auch noch ein paar nette Anekdoten fuer zu Hause aufbewahren: z.B. wie es ist, auf einem chinesischen Betriebsausflug dabei zu sein, wie Schlangenhaut und Maissaft (eine Spezialitaet eben dieses Betriebsausflugs) schmecken, warum man hier einen pink slip braucht, um sein Visum zu verlaengern... Ihr seht, es gibt noch genug zu berichten.

Trotz Abschiedsleid und nahendem Ferienende freue ich mich schon, Euch bald wiederzusehen!

 

Liebe Gruesse aus einer faszinierenden Stadt.

1.8.07 09:59


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